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  • Diözese St. Pölten

Die Geschichten bewahren

von Karl A. Immervoll


aus ZeitZeichen 2/2022

(Magazin der Katholischen Arbeitnehmer:innenbewegung Österreichs)


Uns umgeben Waren aus aller Welt. Wer hat sie gemacht? Meist wissen wir nicht einmal woher sie kommen, schon gar nicht unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden. Welche Dienstleistungen sind damit verbunden? Es sind die Produkte von „Namenlosen“, ohne Gesichter, ohne die Geschichte der Menschen, die dahinter stehen. In der Ostererzählung des Evangelisten Johannes erkennt Maria von Magdala den Auferweckten erst, als er sie beim Namen nennt: Maria! Erst die Namensnennung bringt die entscheidende Wende, gleichsam eine Rückkehr ins Leben.




Es ist schon mehr als 25 Jahre her: Maria war 16, Bob Marley längst tot, aber sein Song No woman, No cry erklang fast wöchentlich in der KAJ Gruppe. Maria war ein wahres „Raster-Girl“, begeistert davon gab es regelmäßig Diskussionen über die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Ganz nach dem Motto: Get Up Stand Up (so der Titel eines weiteren Marley-Songs). Ihre Lieblingsfarben: Rot, Gold (Gelb) und Grün, die Farben der Bewegung (und der äthiopischen Flagge). Rot für das Blut der Märtyrer, Gold für den Reichtum Afrikas und Grün für die Vegetation Äthiopiens und eine Hoffnung auf Rückkehr der aus Afrika als Sklaven verschleppten Menschen. Maria war einfach da! An ihr kam man nicht vorbei.


Eines Tages fragt sie mich, ob ich ihr nicht ein Paar Schuhe machen könnte, natürlich in oben erwähnten Farben. Zunächst reagiere ich nur mit einem Lächeln. Aber sie lässt nicht locker. Aus dem Fragen wird Bitten und dann Drängen. Schließlich stimme ich zu, unter einer Bedingung: Sie muss Geduld aufbringen, denn das Arbeitstempo bestimme ich. Während meiner Lehre hat mir mein Meister zwar Respekt gezollt für die Qualität meiner Arbeit, hat aber auch dazu gesagt, er hoffe, dass ich davon nie existieren muss! Ich war einfach zu langsam. In der Fabrik am Fließband habe ich es anders kennen gelernt. Da gab es nicht die Zeit für Details. Die Handgriffe waren eingeübt und es gab nur richtig oder falsch – und möglichst schnell.


Ich gehe mit Maria ins Lager eines befreundeten Schuhmachers. Wir suchen passendes Leder und ich beginne mein Werk. Langsam werden in meinen Händen Schuhe. Immer wieder halte ich inne und betrachte was da entsteht, begleitet von den Gedanken an Gespräche mit Maria, an ihren Freiheitsdrang aus einer schier ausweglosen sozialen Lage. Der Vorgang ist mehr als die bloße Herstellung von Schuhen. Es dauert auch wirklich mehrere Wochen. Endlich ist der letzte Handgriff getan und das fertige Paar steht noch eine Woche auf meiner Werkbank – zum Anschauen. Heißt es nicht auch in der Schöpfungsgeschichte „… und er sah, dass es gut war“? Die Übergabe in der KAJ-Runde war ein Fest: Ihre Schuhe, etwas Besonderes in vielerlei Hinsicht.


Vor kurzem traf ich Maria wieder. Seit Jahren hatten wir uns nicht gesehen. Wir erzählten wie es geht, sprechen über Familie und Arbeit. Ich fragte nach den Kindern, die ja schon erwachsen sind und auch nach den Schuhen, ob es sie noch gibt? „Na klar!“ war ihre Antwort.


Wenn ich mir heute Material für Schuhe besorge, dann ist allein dies um ein vielfaches teurer als manch fertiges Paar. Erzeugt wo? Von Wem? Mit wie vielen Kilometern unter der Sohle? Die Transportkosten sind viel zu niedrig und ermöglichen Produktionen unter unmenschlichen Bedingungen. Das Gerben des Leders unterliegt bei uns strengen Umweltauflagen, wie passiert es in anderen Kontinenten? Freuen mag ich mich vielleicht darüber, dass sie billig sind. Aber es sind Unbekannte, ohne Geschichte, anonym. Die Schuhe haben eben einen Preis, aber keine Namen!


Doch wir müssen die Geschichten der Menschen erzählen, von den Frauen und Männern, möglicherweise auch Kindern. Wir müssen ihre Namen nennen. Sie dürfen uns nicht verloren gehen in weltweiten ungerechten Handelsabkommen. Rot muss sich verändern zur Farbe der Nächstenliebe und des Respekts, um den Menschen den Reichtum ihrer Länder selbst zu überlassen (Gold) und Grün möge zur Hoffnung auf ein besseres Leben werden.

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